Eine Reise nach Palästina
Was uns berührte und aufrührte


Wie es zu dieser Reise nach Palästina/Israel kam


Ich bin jetzt schon einige Jahre Mitglied beim FrauenNetzwerkNahost, aber ich war eine der wenigen, die je nach Palästina und Israel gereist ist und die gute Freunde dort hat. Und ich stellte bei unserer gemeinsamen Arbeit fest, dass es etwas anderes ist, wenn man die Situation der Palästinenser nur aus schriftlichen Materialien oder Vorträgen kennt oder wenn man einmal dort vor Ort war. So beschloss ich, die Frauen aus dem Netzwerk die noch nicht dort waren, einmal in dieses Land mitzunehmen und ihnen dort zu zeigen, was mich an den Menschen und der Gegend so bewegt. Dazu muss man sagen, dass ich bereits als Kind zu Palästinensern in Israel gereist bin und bis heute dorthin Kontakt habe. Außerdem hat die Pax-Christi-Gruppe Sulzbach, deren Mitglied ich auch bin, eine Partnerschaft mit dem Lokalen Komitee von Irtah, einem kleinen Dorf südlich von Tulkarem.
Damit war das Ziel der Reise klar: Einerseits die Besatzung und die Unterdrückung der Palästinenser mit eigenen Augen zu sehen, aber gleichzeitig (und mir fast wichtiger) den Menschen dort vor Ort persönlich zu begegnen und sie kennenzulernen.
Den ersten Teil der Reise übernahm Edda, die uns die politische Dimension in Bethlehem zeigte, wo sie im Rahmen des Ökumenischen Begleitdienstes drei Monate war.
Bei meinem Teil der Reise lag der Schwerpunkt auf der persönlichen Begegnung. Ich organisierte sie daher so, dass wir die Frauen des Frauenkomitees von Irtah kennenlernen konnten und auch in ihren Familien übernachteten. Bei diesen Familien erfuhren wir, was palästinensische Gastfreundschaft bedeutet: Wir fühlten uns als Teil der Familie! Und gerade die Gespräche „zwischen Tür und Angel“, die eben nicht immer nur über politische Dinge gingen, haben uns berührt. Eine Mutter erzählte von ihrer Sorge um die kranke Tochter, die Epilepsie hat, bei einer anderen Familie bekamen wir den Streit der Kinder um die Schuhe, die anzuziehen sind, mit, einmal war es einfach ein lustiges Abendessen zusammen. Und doch schimmerte in allen Momenten die Besatzung durch, wie man z.B. medizinisch betreut ist oder dass man als Mutter immer Angst hat, ob die Kinder heil wieder von der Schule nach Hause kommen oder doch nicht am Checkpoint schikaniert werden. Wir diskutierten mit den Frauen auch Ideen, die sie dort haben, um mit ihren Möglichkeiten Widerstand zu leisten, wie den Boykott von Siedlungsprodukten, oder nahmen am Frauentag an der Frauendemo teil. Es war faszinierend, diese trotz der katastrophalen Situation energiegeladenen Frauen zu sehen, wie sie immer wieder neue Aktivitäten aus dem Ärmel zaubern. Der Abschied war auf beiden Seiten sehr tränenreich und bedeutet genau das, was ich mir erhofft hatte, dass wir, die deutschen und palästinensischen Frauen, zusammengewachsen sind.
Der weitere Teil, den ich organisierte, war die Reise nach Israel und dort das Treffen mit meinen palästinensischen Freunden aus meiner Kindheit und Jugend. Dieser Teil war mir sehr wichtig, da diese Freunde für mich meine zweite Familie sind und diese inzwischen über zwei, fast drei Generationen währende Freundschaft der Motor für meine politische Arbeit in der Nahostproblematik ist. Zwei meiner Freunde zeigten uns sehr persönlich, was es heißt, Palästinenser in Israel zu sein: Der eine erläuterte uns die rechtlichen, politischen und sozialen Diskriminierungen, die der Staat Israel sehr geschickt und verdeckt gegenüber den israelischen Palästinensern tätigt, obwohl sie eigentlich Staatsbürger mit selben Rechten und Pflichten sind. Beide Freunde sind Kinder der vertriebenen Generation seit Gründung des Staates Israel und besuchten mit uns ihre Herkunftsorte. Der eine Ort ist eine Ruine, der andere heute eine jüdische Siedlung, wobei noch die Kirchen und die Moschee stehen, die jedoch jahrelang als Ziegenstall genutzt wurden. Es waren sehr emotionale und traurige Momente, die uns klar machten, dass es hier nicht um Zahlen und Fakten geht, sondern um den Schmerz der verlorenen Herkunft und die Missachtung der Erinnerung: Die Bemühungen der Palästinenser, ihre Kirchen, Moscheen und Friedhöfe zu pflegen, werden mit Zäunen, Mauern und geschändeten Gräbern beantwortet.
Die Reise war hart und auch sehr intensiv (wir hatten nur eine Woche Zeit), aber ich denke, die Gesichter und Tränen wird keine meiner Netzwerkfrauen mehr vergessen.
Das Leid hat ein Gesicht bekommen!
Verena Funk