Besuch von Rahels Grab


Wir sind um 05:45 Uhr von Claires Hostel, in dem wir während unseres Aufenthalts in Bethlehem wohnen, aufgebrochen und stehen um 06:00 Uhr am checkpoint, den täglich mehrere Hundert Männer passieren müssen, um zur Arbeit nach Jerusalem zu kommen. Es gibt 2 Gänge, einen für Männer, einen für Frauen und Touristen. Als Touristen müssen wir im Gegensatz zu den Männern nicht mehrere Stunden anstehen, demütigende Kontrollen, den Kasernenton und die Angst ertragen, aus irgendwelchem Grund wieder zurückgeschickt zu werden und die Arbeit zu verlieren.
Auf unserer Spur, der humanitarian line, treffen wir eine Frau, die uns erzählt, dass sie auch jeden Tag den checkpoint passieren muss; sie ist chronisch krank und muss täglich zur Kontrolle in eine Klinik in Jerusalem.
Noch berührt von dem, was wir eben erlebt haben, stehen wir um 07:30 Uhr morgens am Bethlehem-checkpoint auf der Jerusalemer Seite . Wir beschließen, da wir nun schon ganz in der Nähe sind, Rahels Grab, eine heilige Stätte für Juden, Muslime und Christen, zu besuchen. Hier starb nach der Überlieferung Jakobs Frau Rahel bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin.
Vom Checkpoint aus ist Rahels Grab zu Fuß, obwohl nur wenige Hundert Meter entfernt, nicht zu erreichen. Wir können das Ziel nur mit einem Taxi ansteuern. Nach der Kontrollstelle fahren wir auf einer Straße, die auf beiden Seiten mit einer 9 m hohen Mauer begrenzt ist und uns das Gefühl von einem oben offenen Tunnel verleiht und kommen nach ca. 500m zu einem bunkerähnlichen Gebäude, das von einem bewaffneten Soldaten bewacht wird. Der Soldat begrüßt uns freundlich. Der Taxifahrer bittet uns, uns nicht lange im Gebäude aufzuhalten, da er seinen Parkplatz nach 10 Minuten verlassen muss.
Der Zugang zum Grab im Inneren des Gebäudes versprüht den Charme eines Hallenbads der 60iger Jahre. Wände und Boden sind mit wasserfester Farbe gestrichen. Die religiöse Stätte selbst ist abgetrennt für Männer und Frauen. Im Raum für die Frauen hängt ein großer Wandteppich, an dem einige jüdische Frauen um Fruchtbarkeit und für eine leichte Geburt beten. Muslimische und christliche Frauen aus Bethlehem und Umgebung können das Grab nur mit einer Sondergenehmigung besuchen. An der Wand stehen einige Plastik-Stühle.
In dieser Umgebung fühle ich mich nicht wohl und nicht willkommen. Deshalb will wohl auch kein Gefühl, keine Stimmung und auch nicht der Wunsch aufkommen, hier zu beten oder zu meditieren. Nach wenigen Minuten verlasse ich mit den anderen Frauen unserer Gruppe diesen heiligen Ort.
Gegenüber vom Ausgang sehen wir in ca. 25 m Entfernung das Dach von Claires Hostel. Wäre da nicht die riesige Mauer, die das Gebäude von 3 Seiten abriegelt, könnten wir jetzt zum Frühstücken einfach über die Straße gehen.