Besuch bei Siham in An´numan


Der Taxifahrer bringt uns bis zur Kreuzung. Die Straße, die zu einer israelischen Siedlung führt, darf er nicht befahren.
Wir gehen ca. 200 m zu Fuß bis die Straße nach An´numan, einem palästinensischen Dorf, abzweigt. Hier wurde von der israelischen Militärverwaltung ein checkpoint eingerichtet, da nur die Bewohner von An´numan und die Mitglieder internationaler Organisationen das Dorf besuchen dürfen, weil es außerhalb der palästinensisch verwalteten Zone liegt. Wir betreten eine kleine Bürostube, wo uns der wachhabende Soldat nach Sinn und Zweck unseres Besuchs in An´numan befragt und uns schließlich passieren lässt.
Unterwegs zum Dorf, das in ca. 2 km auf einer Anhöhe liegt, kommen wir an blühenden Frühlingswiesen vorbei; Kinder winken uns zu.
Nun stehen wir vor einem Trümmerhaufen. Siham, die junge Frau mit 3 Kindern, die uns auf die Terrasse bittet, erzählt unter Tränen von der Katastrophe, die am 21. Dezember 2010 über die Familie hereinbrach.
Am frühen Morgen, es war noch dunkel, rücken die Bulldozer in Begleitung von israelischen Soldaten an. Nachbarn kommen dazu und versuchen unter Protest, den Abriss-Trupp von seinem Vorhaben abzubringen; vergeblich. Die Familie bekommt 10 Minuten Zeit, um die wichtigsten Hausratsgegenstände in Sicherheit zu bringen. Sihams kleiner Sohn ist noch im Gebäude, als der Bulldozer bereits beginnt, eine Mauer des Hauses einzureißen; er kann mit einer leichten Verletzung im letzten Moment gerettet werden. Innerhalb weniger Minuten liegt das Haus, das ihr Mann auf seinem Grundstück (ohne Genehmigung) mühsam in Eigenarbeit gebaut hat, in Schutt und Asche. Eine Genehmigung wird aber von der israelischen Militärverwaltung für Palästinenser grundsätzlich nicht erteilt.
Siham ist völlig verzweifelt; sie hat ein Trauma erlitten und musste in ärztliche Behandlung. Sie zittert noch heute am ganzen Körper, wenn sie darüber spricht. Eine Hilfsorganisation hatte der Familie zwar ein Zelt gespendet, damit sie die Winternächte nicht im Freien verbringen musste, aber Siham hat es im Zelt nicht ausgehalten.
Inzwischen lebt Sihams Familie vorübergehend bei Nachbarn in einem Zimmer. In der Nähe gibt es einen kleinen Ziegenstall, der eventuell zu einer Wohnung umgebaut werden könnte, aber die Familie kann sich weder die Miete für den Stall noch den Umbau leisten. Die Familie lebt von einer kleinen Ziegenherde, da Sihams Mann nicht mehr auf dem Bau arbeiten kann; der Rücken macht nicht mehr mit. Siham könnte zwar vielleicht in Bethlehem eine Arbeit finden, aber wie soll sie da jeden Tag hinkommen? Wenn sie es schafft, braucht sie dazu täglich mehrere Stunden wegen der Wartezeit an den checkpoints. Für eine Mutter von 3 kleinen Kindern ist das nicht zu machen.
Dies von einer Betroffenen zu hören und ihre Verzweiflung mit zu erleben hat eine andere Dimension, als einen Artikel über eine Häuserzerstörung zu lesen. Obwohl ich die Zerstörung selbst nicht miterlebt habe, ist die Situation sogar für mich als nicht Betroffene kaum auszuhalten.
Ich fühle mich völlig hilflos.


Mächthild Wätzig