Doppelte Isolierung


Besuch des Dorfes Al Waladja vor den Toren Bethlehems
Shereen, eine couragierte Rechtsanwältin wartet bereits auf uns. Voller Emotionen zeigt sie uns den Verlauf der Mauer um ihr Dorf, das in absehbarer Zeit regelrecht eingemauert sein wird und dann nur noch durch einen Tunnel zu erreichen ist. Die nächstgelegene Infrastruktur, Freunde und Verwandte waren zu Fuß in 10 Minuten zu erreichen. Ist die Mauer fertig, müssen Checkpoints passiert werden und die bisherigen Wege werden dann 1-2 Stunden dauern. Für die Männer ist der tägliche Weg zur Arbeit in Jerusalem und wieder zurück kaum mehr möglich und sie werden illegal in Israel bleiben. Werden sie dort erwischt, droht ihnen eine Gefängnisstrafe und der Verlust der Arbeitserlaubnis.
Noch ist es möglich, außerhalb der Mauer einen Rundgang um das Dorf zu machen. Hier erleben wir die perfide Situation, dass die zur israelischen Siedlung hingewandte Mauer schön verklinkert ist und die zum palästinensischen Dorf hingewandte Seite, den reinen Beton zeigt.
Wir nähern uns dem Haus einer palästinensischen Familie. Schön gelegen, mit Blick ins Tal und auf die Ausläufer Jerusalems. Da das Haus aber außerhalb der Mauer liegt, haben die Israelis das Haus bzw. das kleine Grundstück extra einzäunen lassen. Das heißt, die Familie hat keinen freien Zugang zu ihrem eigenen Dorf und keinen freien Zugang zu anderen Orten. Die Familie lebt also in einem Gefängnis im Gefängnis. Die Kinder gehen in ein nahegelegenes Kloster zur Schule und müssen dann täglich verschiedene Tore, Checkpoints und den 50 m langen Tunnel passieren. Die Mutter hält diese unsägliche Situation kaum aus und möchte wegziehen, der Vater will bleiben. Dieser schwelende Streit zwischen dem Ehepaar, die Sorgen und Ängste um ihre Kinder machen krank. Die Frau leidet seit einiger Zeit an Depressionen und hat mittlerweile einen Wasch- und Putzzwang entwickelt.
Diese doppelte Isolierung und die psychische Situation der Palästinenserin haben mir die politische Widerwärtigkeit der gesamten Handlungsweise der israelischen Politik offenbart.

Ingrid Jessen